Presse-Berichte
 
Aus der Luft geholt


Armgard Seegers
Hamburger Abendblatt, 28. Mai 2010
Foto: Frank Peters

Kellertheater: Wer glaubt im Zeitalter von Photoshop, Computeranimation und digitalen Filmschnitten noch an Zauberei? Im Fernsehen funktioniert Zaubern schon lange nicht mehr, weil dort alles mög lich ist. Zaubern geht nur „in echt“, wenn man direkt davor sitzt. Es ist wie im Theater. Hier wie bei der Zauberei entsteht die Kunst durch Form, Inter pretation, Gestaltung.
Was gibt es Schöneres, als einem Zauberer zuzuschauen? Als Alternative käme eigentlich nur in Frage, einem Witzeerzähler zuzuhören. „Noch einen“ möchte man beiden ständig zurufen. Wie ein quengelndes Kind. Noch einen Kartentrick. Und einen mit Ringen. 

Wittus Witt ist ein Zauberer, der aus dem Nichts Orangen in Papiertüten plumpsen lassen oder brennende Zigaretten spurlos zerquetschen kann. Er hat aber vor allem den Theater-Zauber wieder entdeckt. Er gastiert in Theatern mit dramaturgisch inszenierten Abenden, die eine Geschichte erzählen. „Halbe Wahrheit – Ganzes Vergnügen“ heißt sein Programm, bei dem er ein bisschen vom Geheimnis der Zauberei preisgeben und dennoch die Zuschauer verzaubern will. 

Witt lässt ein Orangensaftglas aus dem Nichts erscheinen

„Wie soll ein Laie Respekt vor unserer Kunst haben, wenn er nicht weiß, wie sie zustande kommt“, sagt der ann mit Augen, die so stahlblau sind, dass sie die Zuschauer wahrscheinlich auch hypnotisieren können. „Wenn man weiß, wie etwas gemacht wird, kann man es noch mehr genießen, weil man es besser versteht“, sagt er. 
Der Zauberkünstler hat viele Möglichkeiten, etwa durch Täuschung oder Ablenkung die Grundprinzipien des Zauberns zu variieren. Dazu zählen das Erscheinen aus dem Nichts – Witt lässt ein Orangensaftglas aus der Luft erscheinen. Oder auch, dass Dinge verschwinden, sich verwandeln. Man kann Gedanken raten oder Dinge schweben lassen. Diese Prinzipien spielerisch zu komponieren, das ist Theater-Zauberei.

„Wenn etwas schwebt ist es doch eigentlich klar, dass es nicht schweben kann“, sagt Witt, „also muss es irgendwo hängen oder am Draht befestigt sein oder es muss unterstützt werden. Ich zeige meinen Zuschauern, wie es geht. Und sie sind trotzdem faszi niert.“
Witt holt Gegenstände scheinbar aus dem Nichts.Natürlich arbeitet er auch mit Dingen, die Zuschauern gehören. „Da sind Neugier und Schadenfreude von Anfang an mit dabei“, weiß er. Wenn ich ein Messer durchs Jackett steche, ist das reizvoll, weil man auch sehen will, wie der Besitzer der Jacke reagiert.“ Armbanduhren wegnehmen, so etwas mag er alledings nicht. „Das nenne ich Taschendiebstahl.“

Im ersten Teil des Abends wird erzählt, im zweiten eher gezaubert

Wenn man während des Interviews bettelt – was man bei einem Schauspieler oder Musiker nie tun würde –, führt Witt Kartentricks vor, lässt Bälle zum Vorschein kommen oder verblüfft mit Ringen und Streichhölzern. Doch selbst wenn er es danach erklärt, der Zauber bleibt. Ganz klar, denn auf die Frage, warum er Zauberer geworden ist, antwortet Witt: „Ich bin verspielt, aber ich möchte nicht in andere Rollen schlüpfen. Für mich ist Zaubern die schönste Form der Kommunikation.“ 

Witt wohnt in einem Hamburger Haus, das voll ist von Zauber-Utensilien. Eine große Bibliothek voller Zauber-Bücher hat er. Mehr als 1000 Zauber-Kästen – darunter auch selbst gebaute, schließlich hat Witt mal bei Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert – Illustrationen, Plakate und Fachzeitschriften wie die erste, 1895 in Hamburg erschienene „Zauberwelt“ gehören dazu. Auch viele Theater hat Wittus Witt schon beraten. In Roberto Ciullis Theater an der Ruhr veranstaltet er ein jährliches Zauber-Theaterfestival.

Witt präsentiert Kunststücke zu einem Thema. Im ersten Teil seines Theater-Abends wird mehr erzählt, im zweiten mehr gezaubert. „Die Story ist das Eigentliche in der Zauberkunst“, sagt Witt, „es soll ja nicht nur ein Trick den anderen ablösen“. Der Austausch mit dem Publikum ist extrem wichtig. Musizieren, malen, schreiben, auch spielen geht allein, aber „man zaubert für jemand. Ein Zauberer darf sich keine Sekunde entziehen, sonst ist der Zauber kaputt“, sagt Witt.

Am Ende, als die Frage, woher denn das Orangensaftglas erschien, noch raus muss, bleibt Wittus Witt charmant: „Sie können gerne fragen, aber verraten werde ich es nicht.“ Nur eines sagt er: „Ich habe ein Jahr daran gearbeitet.“